Das blaue Plus Am Hallenbad in Bernhausen war damals eine Wegmarke des Schwäbischen Albvereins zu sehen, das blaue Plus. Es markiert eine Nebenlinie der Weglinie 2. Grades (Zeichen blauer Strich), welche zu den Weglinien und Farbzeichen im Unter- und Oberland von Baden Württemberg gehört. Bei Wegen, die mit dem Plus gekennzeichnet sind, liegen Anfang und Ende jeweils in der gleichfarbigen Hauptlinie. Außer der Weglinie blauer Strich gibt es noch die Hauptdurchgangslinie – roter Strich – mit dem dazugehörigen roten Plus, ferner, je wieder in rot und blau, Querlinien (Scheibe bzw. Punkt: Verbindung zwischen Haupt- und Nebenlinie gleicher Farbe), ausserdem Stichlinien (Form nicht bezeichnet, ich nenne sie Hufeisen: Abstecher, gleiche Farbe wie Ausgangslinie). Dies sind die Zeichen des Unter- und Oberlandes. Das Zeichen am Hallenbad: Es fiel mir ab und zu auf; ob ich wusste dass es ein Wanderzeichen war, weiß ich nicht mehr. Ich registrierte es mit Interesse und dem Wissen, daß es zweifellos für mich von der größten Wichtigkeit war. Man sah es, vom Stetter Weg kommend an der flechtenbewachsenen Mauer rechts der Treppen, die zum Eingang führen. Heute ist es auf den Stamm einer Linde ganz in der Nähe schabloniert. Es weist in südliche Richtung. Man lässt das Hallenbad, das Fleinsbachstadion links liegen, rechts den dem Stadion den Namen gebenden Bach und den Kindergarten, und dann geht es in die Felder hinaus. Und ich bin oft in die Felder dort hinaus, meistens im Alltag und wenn ich in meiner freien Zeit unterwegs war: allein, mit Freunden, zu Fuß, mit dem Fahrrad. Nicht wegen des Zeichens an der Mauer und um vielleicht zu sehen wo der markierte Weg denn hinführe wenn ich ihm weiter als üblich folgte. Es war mir gar nicht bewußt wenn ich diese üblichen Wege, die alltäglichen, ging,dass ich auf dem Weg mit dem blauen Plus ging, einer Nebenlinie der Weglinie blauer Strich. D.h. es war mir nicht bewusst, dass das Zeichen vom Hallenbad auf meinen alltäglichen Weg hinwies, diesen vielleicht sogar als nicht-alltäglichen Weg kennzeichnete, überhöhte. Wie könnte es auch sein, dass ein Weg ein alltäglicher, zugleich festlicher Weg sein könnte? Dass es ein Wanderzeichen war, das war mir vielleicht doch irgendwie klar. Woher ich die Klarheit hatte, weiß ich nicht mehr. Zuhause etwa war das eigentlich kein Thema, da wir als Familie meistens Fahrradtouren machten. Auch benutzten wir die Wege – Ortsansässige die wir waren – ganz einfach instinktiv und praktisch gesinnt, ohne auf Markierungen zu achten, als normale Feldwege: zwischen Zielen. Nicht wegen ihrer Auszeichnung als Wanderwege, also auch nicht mit einem Sinn für die Schönheit des Verlaufs, der Blicke, die ein Weg möglicherweise dem anderen voraus hatte, und sprachen daher mehr von den Zielen, z.B. über Bonlanden und Harthausen nach Grötzigen oder Neckartailfingen. Und wichtiger als die Zeichen war auch, daß man sich auf dem Weg befand, der einen zu den Unterführungen der B27 brachte. Es konnte nämlich sein, dass ein Weg an der Böschung der Bundesstrasse einfach endete und man nicht weiter kam. Doch ich weiß, das blaue Plus führt nicht zur Böschung, sondern sicher unter der B27 hindurch. Die Markierung am Hallenbad: Vielleicht hatte ich ja doch mal die Eltern gefragt, oder der Nachbar Herr Sch. hatte es mir erklärt, der war im Albverein. Es ging etwas atmosphärisches von dem blauen Plus aus, eine Verheißung; auch etwas utopisches, das mir natürlich als Begriff damals nichts sagte, durchaus als Gefühl. Das ist bis heute so geblieben und vielleicht gehe und spaziere ich nur deswegen so gerne. Bewegung, körperlicher Ausgleich, das bedeutet mir vielleicht nichts! Aussicht, Landschaft, Licht, das Gehen sind für mich der größtmögliche Gegensatz zum Alltag, seinen Forderungen, so daß das Zeichen an der Mauer, am Baum, letztlich das Symbol für diesen Gegenentwurf ist, eine verwirklichte Utopie! Wenn ich öd zum Gitarrenunterricht lief, in die Schule und ins Leichtathletiktraining, freiwillig, unfreiwillig, keine Ahnung, später in die Berufsausbildung, erinnerte ich mich an das Zeichen. Die magische Bedeutung des Zeichens angesichts der Müh´n. Dass einem immer etwas bevorstand, bevorsteht! Sorgen das Erbe der Oma mütterlicherseits. Alles keine Probleme und doch irgendwie. Einmal würde ich. Irgendwann einmal würde ich. Irgendwann mal. Irgendwann. Diesen Weg nicht in seinem Alltagsgewand sehen, gehen. Sondern als Weg des blauen Plus. Feierlich! Es wären die gleichen Wege, vielleicht die gleichen Ziele, diesmal wäre es anders. Nicht würde ich umkehren beim Tennisplatz, bei der Unterführung oder der Böschnung: sondern weiter gehen. Das Zeichen taucht auf dem Weg regelmässig auf, denn die Wegmarken und ihre Platzierung sind nicht gedacht rein zur ordnungsgemäßen Markierung der Wege, nein auch zur Beruhigung des Wanderers entlang der Wegstrecke. So könnte ich beruhigt meinen Weg gehen, ich hätte den Tag in der Tasche und den nächsten gleich dazu! Das Zeichen bliebe zurück und wäre irgendwann verschwunden. Zwischen den Gebäuden sieht man das Tal und im Hintergrund die Alb, seidig weiss und bläulich, an manchen Tagen nur wie ein feiner Riß in einem Glas. Dahinter liegt dann schon Italien. Insel Capri, den 1. Oktober 2047, Liebe teure Eltern! Seit Wochen bin ich im irdischen Paradiese, in der Fülle des Schönsten und Lieblichsten, Größten und Reizendsten, was auf dieser Welt entzücken kann. Schon hab ich alle Inseln und die drei Meerbusen von Gaeta, Neapel und Salerno bis ans griechische Paestum durchzogen und gesehen und genossen und wie im brennenden Durst in mich hineingeschüttet, was hier in Strömen von Schönheit fließt. Hier, mitten im Mittelländischen Meer, leb ich wie ein Gott so froh und glücklich. Zu vier Seiten erblick ich Meer duch mein Fenster und schauderhafte Felsen und Palmen, Orangen, Myrthen, indianische Feigen, Aloe, Lorbeer und Trauben. Auf dem Dache genieß ich eine himmlische Aussicht auf das hohe Meer von zwei Seiten, gegen Afrika und gegen Nord. Alles atmet hier orientalischen Geist: die Häuser sind auf morgenländische Weise gebaut, die Frauen selbst tragen griechisches Kostüm. Seit drei Wochen wechsle ich täglich zwischen den köstlichsten Weinen von Calabrien, Ischia, Capri, Syrakus, Marsala und Lacrimae Christi. Auf der Felsspitze meiner wilden Insel genieß ich die Aussicht über drei Meerbusen und sehe vom Vorgebirg der Circe von Terracina bis nach Kalabrien hinunter, und tief in hoher See duften mir die Ponzainseln herüber. Der Vesuv erhebt sein dampfendes Haut, und Neapel selbst, wiewohl 26 Miglien entfernt, ist als heller Streifen über dem Meer erkennbar. Hier einen Sonnenuntergang! Das ist das Elysium selbst und ich gedenke noch Monate hier zu verweilen. Sodann habe ich den Vesuv erstiegen. Gott sei gelobt, er brennt entsetzlich gegenwärtig. Das will aber Mühe und Schweiß, bis an die Spitze des Kraters hinaufzuklettern. Er wirft Lava, alle fünf Minuten brach ein ungeheurer Qualm von Feuer und Dampf und Rauch, Asche und Steine mit furchtbarem Donner aus dem schwarzen Kegel. Eine halbe Stunde noch unter der Spitze konnten wir in zwei Minuten in der Erde Eier sieden. Dies Schauspiel nun bei Nacht genossen, hat seinesgleichen nicht auf der Welt. Über dem entsetzlichen Krater, aus dem die Feuersäule emporwallt und der recht wohl das Bild der Hölle vors Auge rückt, sahen wir endlich den Mond aufgehen, und er schien so südlich helle, daß wir die fernsten Inseln im Meer entdecken konnten. Auch von unten entzücken einen bei Nacht die großen Flammenwolken über dem Vulkan. Überhaupt, wie hier in diesem Lande alle Luft- und Lichterscheinungen großartig und herrlich sind, davon hat man doch gar keine Vorstellung, wenn man es nicht gesehen hat. Die Sterne funkeln, wie ich es nie bei uns gesehen, auch nicht im strengsten Winter; auch sieht man, dünkt mich, weit mehr als bei uns z.B. in der Milchstraße. Der Mondschein ist so hell und rein wie helles Sonnenlicht; die Farbe des Himmels vom reinsten tiefen Blau über uns und in sanfter Abschattung blässer gegen den Horizont zu. Der Strom des Lichts dermaßen verklärend, daß man ganz entfernte Gegenstände wie nah bei sich sieht. So kann ich mit bloßen Augen oft die Wellen des Meeres in Bewegung sehen, welches ungefähr 2 1/2 deutsche Meilen von uns entfernt liegt, die kleinen Orte am Ufer erkenne ich ganz genau. An einem ganz besonders klaren Abend haben wir die Berge von Ischia erkannt. Nichts aber kommt der Beleuchtung der untergehenden Sonne gleich; man sieht es ganz deutlich ein, wie die alten Maler darauf gekommen sind, auf goldnem Hintergrund zu malen, und doch ist alles jenes Gold nur ein matter Schein gegen dieses Licht, und wie dieses flüssige Goldlicht zwischen den grünen Bäumen auf den Rasen oder gegen den braunen Boden oder Baumstämmen oder gegen altes, mit Efeu umranktes Gemäuer spielt, sich dann im Himmel in den verschiedensten Schattierungen von Purpur im Meere und an den Bergen in Blau und Violett bricht, wie die Menschen davon verklärt und licht aussehen, das geht über alle Beschreibung, und ich versuche es umsonst. Am 23. und 24. August, habe ich den Ätna bestiegen. Zehn Stunden steigt man empor und übernachtet unter dem Krater in einem Hause, wo man in ein Matrosencapotto gehüllt am Feuer sich vor der sibirischen Kälte schützt. In jener Nacht schlief kein Mensch in ganz Europa so hoch als ich, denn ich war 10000 Fuß hoch. Ich spürte gar keinen schädlichen Einfluß der Luft. Die meisten erbrechen sich. Ich verzehrte mein Huhn und trank meinen göttlichen Wein, aber fror dennoch. Zwei Stunden vor Tag trat ich mit dem Führer (denn ich habe zwei Personen und zwei Pferde für die Reise nötig gehabt), über und über eingehüllt, mit dem gewaltigen Stock die fürchtlerliche Wanderung auf den Krater an. Es rauchte erschrecklich, und der Dampf kam uns entgegen, denn es war Ostwind. Weiter empor als über die grauenvolle Lava kommt selten jemand. Mir gelangs. Eine Stunde lang kletterte ich empor und erreichte den Gipfel glücklich. Noch war Dämmerung. Ich glaubte zu sehen, wie Gott die Welt schaffe. Kein Wort reicht, um Euch diesen Anblick zu beschreiben. Angeklammert in Todesangst (denn der leiseste Luftzug ist lebensgefährlich), zu Boden auf der rauchenden Erde liegend, sah ich diese Hölle hinab unter Dampf und Feuer und Donner. Schaudervolleres hab ich nicht gesehen. Aber Erhabeneres nichts als auf der höchsten Spitze, wo ich, freilich zitternd vor Angst und zu Boden gestreckt, die Sonne hinter Kalabrien aus dem griechischen Meere heraufglühen sah, während es auf der ganzen Erde noch Nacht war. 800 Miglien übersieht man von hier oben, die ganze Insel mit all ihren tausend Gebirgen, die nur wie Maulwurfshügel umherliegen, drei Meere, das äolische, ionische und adriatische, Italien wie eine Landkarte, bis nach Malta und Afrika; die ungeheuren aus der Hölle verdampfenden Wolken vergoldeten sich im Sonnenstrahl, das gab das schönste Schauspiel, das ich sah. Der Schatten der Berge lag azurblau und triangular wie eine Pyramide die Insel entlang, und also über 6 Tagreisen weit nur ein Bergschatten. Allmählich tagte es auch unten auf Erden. Der Ätna hat 52 kleine Berge um sich, die bei Ausbrüchen entstanden und von denen die meisten höher sind als die Achalm, und doch sehen diese nur wie Hügelchen aus. Eine halbe Stunde hielt ichs oben aus, bis uns der Wind forttrieb. Zweimal wurden wir zu Boden geworfen. Weiter oben hätts uns das Leben gekostet. Wir stiegen herab und langten glücklich beim Hause an. Unser Wasser war uns gefroren! Das gab ein Frühstück! Wir ritten aber unsere zehn Stunden wieder hinab, und ich verlebte in Nicolosi und Trecastagne himmlische Stunden mit muntern Catanesern. Reise nun glücklich und mit bem besten Wind - überlasse Dich Deinem Gefühl und den Eindrücken der Natur ungeteilt - in der Nacht, wenn zum erstenmal Dich Strombolis Donner weckt, über die Wellen her dumpf - und der rötliche Strahl zum Himmel steigt - indes die kühlen Strahlen der Sterne sich in grünem Meerboden und seitwärts der stille Mond über die Woge sich wiegt - erinnre Dich Deines Freundes. Dorothea Schlegel, Hermann Lenz, Friedrich Müller, Wilhelm Waiblinger